Sperrzone von Tschernobyl März 2009
Teil VIII
Glinka ist das Ziel des heutigen Ausfluges in die Zone. Ein typisch uriges Bauerndorf in der Polessje Region, es war in der Zeit vor dem Unfall vom traditionsreichen ländlichen
Leben geprägt. Viele der Häuser haben noch die alten Strohdächer, dem entsprechend ist der äusserliche Verfall sehr stark vorangeschritten. Nur die wenigen der neueren Häuser
sind noch begehbar. Die zahlreichen Ställe zeugen von der für diese Gegend üblichen Tierhaltung. Wegen seiner Lage gehört das Dorf zu den weniger besuchten Orten der Zone.
In vielen Häusern und Ställen findet man Spuren der wilden Tiere. Sie nutzen das, was der Mensch einst aufgeben musste als Überwinterungsplatz. Seit dem die Menschen
in dieser Gegend nicht mehr die natürlichen Feinde der Tiere sind, haben fast alle Populationen starken Zuwachs bekommen. Tierarten wie Wölfe und Wildschweine werden
mittlerweile als Plage angesehen. In grossen Rudeln lassen sich Wildschweine sogar in bewohnten Gegenden rund um Tschernobyl nicht aus der Ruhe bringen. Die Begegnungen
mit Wölfen, vor allem auf deren Territorium, können für Menschen gefährlich werden. Es sind ebenso Fälle von Angriffen der tollwütigen Tiere bekannt.
Laut unserem Fremdenführer soll hier irgendwo in der Gegend eine uralte Klosterruine zu finden sein. Nach einigen Hundert Meter Suche geben wir auf und kehren zurück ins Dorf,
um nicht mehr der ohnehin knappen Zeit zu verlieren. Auf dem Hof eines Hauses befindet sich ein ziemlich seltsamer Schuppen, eine Art Stube in Miniatur, ca. 1,5 Meter hoch.
Eine Minisitzbank und ein Tisch im
Inneren des Stübchens deuten
zweifellos auf ein Kinderspielhaus
hin. Ein paar Höfe weiter wurde eine
entwurzelte Birke Eins mit dem
Dach des danebenstehenden
Hauses. Eine lose verrostete Autotür
noch etwas weiter auf der Strasse
entlang, verleiht der sonst so
altertümlich wirkenden Dorfidylle
einen anderen, ein wenig unerwar-
teten modernen Beigeschmack...
* * *
Die Zeit drängt, der Weg zurück nimmt bei dem Strassenzustand schon mal über eine Stunde in Anspruch. Vor Einbruch der Dunkelheit muss die Zone
verlassen werden. Erschöpft fahren wir die Strecke nach Tschernobyl zurück. Das Gesehene dreht sich wie ein zurückgespulter Film zum Anfang...
In Tschernobyl angekommen, essen wir ein letztes üppiges Mittagessen und bereiten uns auf die Rückreise vor. Nun ist alles erledigt, uns bleiben noch wenige Augenblicke, um ein
paar Fotos von der Umgebung zu machen. Mittlerweile sind die Wolken aufgelockert, gelegentlich kommen erste warme Sonnenstrahlen durch. Nach all dem trüben Wetter der
letzten Tage hat man ein seltsames Verlangen länger zu bleiben. Wir drehen die letzte Runde um das Gebäude des “Chernobyl Inter Inform”...
“Chernobyl Inter Inform” - eine Agentur, die sich ausschliesslich um die internationale Zusammenarbeit,
die Presse und die Besucher kümmert. Bei jedem Besuch der Sperzone von Tschernobyl wird ein
offizieller Fremdenführer von dieser Behörde zur Verfügung gestellt. Die Unterbringung erfolgt in einem
einfachen, aber ausreichend ausgestteten Hotel direkt neben der Verwaltung. Die Verpflegung in der
Kantine ist einmalig voluminös, und stellt jedes mal eine Herausforderung dar. Alle Fremdenführer
sind sehr freundlich und sprechen ein gutes Englisch. Hier gibt es ausserdem die Möglichkeit, sich auf
eventuelle Kontamination prüfen zu lassen. Zusätzlich gibt es ein Informationszentrum, wo man alles
Nötige und Nützliche über den Aufenthalt in der Sperrzone erfahren kann.
Es geht zurück nach Kiew. Kaum sind wir am Ortsmonument der Stadt Tschernobyl vorbeigefahren, klingelt das Handy unseres Guides: -”Vermisst einer seine Armbanduhr?”
An der Stelle würde jeder “erfahrene Stalker” behaupten - “die Zone lässt dich einfach nicht gehen...” Wie dem auch sei - wir kehren noch mal um, obwohl ich die Uhr ohne Weiteres
einfach dort lassen würde... Unser Fremdenführer besteht darauf sie abzuholen und keiner hat gegen einer weiteren Runde etwas einzuwenden...
* * *
Es ist der erste richtig warme und sonnige Frühlingstag des Jahres. Wir sind auf dem Weg zurück in die Zivilisation. Jeder, in Gedanken vertieft, grübelt über irgendetwas nach.
Plötzlich hält unser Kleinbus ohne erkennbaren Grund an, etwas auf dem Feld direkt neben der Strasse scheint wohl das Interesse unseres Fremdenführers geweckt zu haben...
Wildpferde... Diese aussergewöhnlichen Tiere, nach den wir ganze zwei Tage Ausschau hielten, zeigen sich ausgerechnet in letzten Minuten unseren Aufenthaltes in der Zone.
Es ist wohl eine besondere Art sich zu verabschieden... Oder besser “Auf Wiedersehen” zu sagen...
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Teil IX